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News & Aktuelles
27. September 2017

Ein Wittlinger fährt in der Formel 1 der Motorboote

Die Formel 1 gibt es nicht nur auf Asphalt, auch übers Wasser brettern Boliden. In einem davon hockt Stefan Hagin. Wie hat es der Wittlinger in die höchste Rennboot-Klasse der Welt geschafft?

Ein Wittlinger startet durch. Stefan Hagin tritt diesen Winter erstmals in der höchsten Rennboot-Klasse der Welt an. Im Dezember beginnt für den Südbadener die erste Formel-1- Saison der Karriere. Ein Traum geht in Erfüllung.

In Michael Endes Kinderbuch Jim Knopf und der Lokomotivführer gibt es eine Figur, die sich einprägt. An Herrn Tur Tur, den Scheinriesen, muss man sich einfach erinnern. Der friedliche, vor allem aber einsame Mann wirkt nur aus der Ferne wie ein furchterweckender Riese. Je näher man ihm aber kommt, desto kleiner und liebenswürdiger erscheint der einfühlsame Herr Tur Tur. Die Parabel schlechthin für Hindernisse, die auf den ersten Blick unüberwindbar erscheinen.

Mit dem Motorbootrennsport verhält es sich in gewisser Weise genau umgekehrt. Auf den ersten Blick wirken die übers Wasser rasenden doppelkufigen, motorbetriebenen Katamarane wie scheinbar schwerelos daherkommende, leicht zu bedienende Rennmaschinen. Von einem einfachen Funsport kann aber keine Rede sein. Der Sport beansprucht Kopf und Körper: 400 PS, Wellen, Adrenalin und Dauerstress.

„Das ist der Reiz“, betont Stefan Hagin: „Man muss den Härtegrad des Wassers, den Wellengang, den Wind und die Konkurrenz ständig beobachten, die Neigung und Höhe des Boots verändern.“ Der 29-Jährige ist ein Exot. Ein erfolgreicher. Der Wittlinger fährt in der besten Klasse.

Überschläge gehören zu den gängigsten Berufsrisiken der Rennbootsportler

Wenn er über die Herausforderungen seines Sports doziert, wirkt der Werkzeugmechanikermeister professoral. Fachbegriff folgt auf Fachbegriff. Härtegrade, Fliehkräfte, Getriebe, Rumpf, Luftpolster. Packend ist seine Schwärmerei dennoch. „Man muss ein Gefühl für Wind und Wasser entwickeln“, sagt er, „sonst kommt es zum Unfall.“ Überschläge gehören zu den gängigsten Berufsrisiken der Rennbootsportler. Ein Überschlag machte im Übrigen auch Hagin über Nacht berühmt. Als der damals 21-Jährige 2009 Weltmeister in der Formel 4 wurde, fotografierte ein Reporter in einem darauffolgenden Rennen einen Unfall des Senkrechtstarters. Die Bilder wurden zum viralen Hit, Hagin war für einen kurzen Moment in aller Munde. Hinter dem jungen Mann lagen damals erfolgreiche Jahre.

Stefan Hagin fing im Kart an

Eigentlich lag Hagins Talent auf anderem Untergrund. Im Alter von sechs Jahren drehte er die ersten Runden im Kart. Vater Fritz Hagin begleitete den Sohnemann zu allen Rennen. Derart erfolgreich, dass mit 17 mehrere Angebote aus dem Rennsport vorlagen. „Finanziell wäre das aber ein zu großer Aufwand gewesen“, erzählt Hagin. Dann also Untergrundwechsel. Wasser statt Asphalt. Der Vater meldete den Sohn für ein Sichtungsrennen der ADAC-Rennsportserie an. Dieser stach die komplette Konkurrenz aus. Zwei Jahre lang durfte Hagin gesponsert durch den ADAC starten.

Die Karriere verlief rasch in Superlativen. Bereits 2008 holte er den ersten deutschen Meistertitel in der Formel 4, im Jahr darauf den WM-Titel. Ein Jahr später wurde er Europameister. 2011 folgte der Wechsel in die Formel 2. „Ein Riesensprung, da haben die Boote nicht mehr nur 60, sondern 300 PS.“ Bis dato stehen zwei fünfte Plätze bei Europameisterschaften, ein vierter EM-Platz und eine deutsche Vizemeisterschaft zu Buche. Aufgrund der ansprechenden Leistungen hat ihn das portugiesische Rennteam F1 Atlantic Team für die Formel 1 verpflichtet. Im Dezember fährt er in Abu Dhabi sein Premiererennen: „Damit geht ein Traum in Erfüllung.“

Balsam für die geschundene Rennfahrer-Seele. Die aktuelle Saison glich nämlich einem Seuchenjahr. Aufgrund von Testterminen in Portugal konnte Hagin kaum Rennen fahren. War doch einmal ein Start geplant, so wurden die Rennen aufgrund des Wetters abgesagt.

Die Trainingsstrecken liegen in Belgien und Polen

Wenn Hagin spricht, redet er nur in der Wir-Form. Im Hause Hagin bastelt die gesamte Familie an der Karriere des Sohnes. Mindestens vier Leute benötigt er pro Rennwochenende. Der Sport ist teuer. Ein ordentliches Formel-2-Boot kostet mehr als 100 000 Euro. Für den Transport zum Austragungsort kommen meist die Ausrichter auf. Die eigene Anreise und Verpflegung des Teams will aber dennoch bezahlt sein. Ohne Sponsoren ist man chancenlos. Trainiert werden muss im Ausland. Die nächsten Übungsstrecken liegen in Belgien und Polen. „Dafür geht der Jahresurlaub drauf“, verrät Hagin. Es kann sich aber auch lohnen. Für Platz eins bei einem Formel-Rennen können mittlere vierstellige Beträge rausspringen. Wie es weitergeht, weiß Hagin noch nicht. Da wirkt er fast verlegen. Sein Traum von der Formel 1 wird sich ja nun erfüllen. „Die Herausforderungen, um weiterhin so hochklassig zu fahren, sind natürlich extrem hoch“, weiß der Südbadener. Aber so ist das eben mit großen Aufgaben. Und damit zurück zur Lehre des Herrn Tur Tur: Auf den ersten Blick wirken sie immer unüberwindbar.

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